Für gerechte Chancen auf Bildung und Ausbildung

4. Für gerechte Chancen auf Bildung und Ausbildung.


Jeder junge Mensch hat das gleiche Recht auf gute Bildung, Ausbildung und Weiterbildung.

Ein zentrales Thema für die Entfaltungsmöglichkeiten und Lebenschancen der Jungen Generation ist Bildung. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Je höher der (Aus-) Bildungsstand umso besser sind statistisch die Arbeitsmarkt- und Einkommenschancen – gleichwohl wir bereits aufgezeigt haben, dass auch Akademiker nicht mehr vor Phasen prekärer Beschäftigung und schwierigen Berufseinstiegen gefeit sind.

Gleiche Bildungschancen und Gerechtigkeit im Bildungssystem sind damit ein – wenn nicht der – Schlüssel für die gerechte Verteilung von Lebens- und Berufsperspektiven. Nur in Deutschland passt der Schlüssel nicht so recht ins Schloss.

Chancengerechtigkeit wird im deutschen Bildungssystem besonders selten erreicht. In nur wenigen anderen Industrieländern hängen die Bildungschancen so stark von der sozialen Lage bzw. dem Bildungsstatus der Eltern ab wie in Deutschland. 83 Prozent der Kinder von Eltern mit akademischem Abschluss beginnen ein Studium. Aber nur 23 Prozent der Kinder von Nichtakademikern studieren.


Grafik: Ungleiche Chancen
 

Sowohl internationale Vergleiche als auch deutsche Untersuchungen zu den Schulempfehlungen am Ende der Grundschule zeigen, dass jegliche Interpretation dieser Zahlen mit unterschiedlicher Begabung oder Intelligenz nicht zutrifft. Es handelt sich zweifelsohne um ungleiche Chancen auf Bildung, die den gesellschaftlichen Grundwerten der Bundesrepublik widerspricht.

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund werden im deutschen Bildungssystem besonders benachteiligt. Selbst wenn man berücksichtigt, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund häufiger aus niedrigeren sozialen Schichten kommen, bleibt eine zusätzliche Ungleichbehandlung aufgrund des Migrationshintergrundes.

Das deutsche Schulsystem baut die ungleichen «Startchancen» im Verlauf des Bildungsweges nicht ab. Im Gegenteil: Im Laufe der Schulzeit werden weitere Benachteiligungen aufgebaut.

Verschärft werden diese Befunde der Chancenungleichheit durch das Versagen des Bildungssystems, zumindest einen Minimalstandard für alle zu gewährleisten. Das deutsche Schulsystem produziert einen, im europäischen Vergleich, hohen Anteil an Menschen ohne Schulabschluss. Für diese jungen Menschen bieten das Ausbildungssystem und der Arbeitsmarkt in der Regel keine sichere Perspektive. Es gibt in Deutschland also nicht nur ein Problem der Chancenungleichheit, sondern es gibt ein massives Problem mit genereller Bildungsarmut.


Aber auch viele junge Menschen mit Schulabschluss bekommen keine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Das duale System der Berufsausbildung, für das Deutschland oft gerühmt wird, ist zunehmend ausgehöhlt. Vor allem die vielen Warte- und Abschiebeschleifen, die etabliert wurden (schulisches Berufsvorbereitungs- und Berufsgrundbildungsjahr, Berufsfachschulen, BA-Maßnahmen, usw.), in denen in der Regel kein vollwertiger Berufsabschluss erworben wird, und der Anstieg der schulischen Berufsabschlüsse sind Kennzeichen der Krise des dualen Systems.

Berufliche Perspektiven erschöpfen sich heute nicht in einer guten Erstausbildung. Weiterbildung wird immer wichtiger, um die Chancen auf einen guten Job und eine berufliche Entwicklung zu gewährleisten. Deutschland hinkt aber in diesem Punkt hinter anderen Ländern mit ähnlicher Wirtschaftsstruktur her. So werden Menschen berufliche Entwicklungsmöglichkeiten verbaut und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wird ausgebremst. Wir benötigen Weiterbildungskonzepte für junge Menschen, die sich nicht nur an kurzfristigen Anforderungen der Unternehmen orientieren, sondern die selbstbestimmte Berufs- und Karrierepla-nung der Menschen in den Mittelpunkt stellen.


Im deutschen Bildungs-, Ausbildungs- und Weiterbildungssystem sind strukturelle Änderungen und höhere Investitionen nötig. Solche Änderungen wirken sich oft erst langfristig aus, das darf aus unserer Sicht nicht zu einer zynischen Haltung gegenüber den heutigen „Bildungsverlierern“ führen. Selbst wenn sich aus demografischen Gründen die Lage am Ausbildungsstellenmarkt in einigen Jahren entspannen sollte, darf uns dies heute nicht beruhigen. Das nützt denjenigen, die heute einen Ausbildungsplatz suchen, nicht. Weder den Erstsuchern noch den vielen Altbewerbern, die in Warteschleifen abgeschoben wurden oder ganz unversorgt geblieben sind. Analog gilt dies für die unsägliche Diskussion um die «Nicht-Ausbildungsfähigkeit» von Jugendlichen. Diese Stigmatisierung ist sowohl ein pädagogischer als auch sozialpolitischer Offenbarungseid.

Wir erwarten von der Politik:

die Gewährleistung gleicher Bildungschancen für alle jungen Menschen – unabhängig vom Geldbeutel, dem Bildungsstatus und der Herkunft der Eltern. Hierzu zählt auch, die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsbereichen zu erhöhen. Konkret bedeutet dies, beispielsweise jungen Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung den Hochschulzugang zu ermöglichen

Wir erwarten von den Arbeitgebern:

ausreichend Ausbildungsplätze zu schaffen und allen jungen Menschen, die eine berufliche Ausbildung machen möchten, diesen wichtigen Schritt ins Berufsleben zu ermöglichen.

Die IG Metall wird:

Ihren Einfluss in der Ausgestaltung der dualen Ausbildung nutzen, um qualitativ hochwertige Ausbildungsberufe zu sichern und weiter zu entwickeln.



ÜBERSICHT

 
Follow us