10-Punkte-Papier zur Fachkräftesicherung

10-Punkte-Papier der IG Metall zur Fachkräftesicherung

Der Vorstand der IG Metall hat in seiner Sitzung am 9. August ein Positionspapier "Qualifizierte Fachkräfte für gute Arbeit und Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit" (PDF) beschlossen und auf dieser Grundlage einen 10-Punkte-Plan der IG Metall zur Fachkräftesicherung entwickelt:

 


1. Fachkräftesicherung braucht Realismus
 

Von einem allgemeinen Fachkräftemangel kann bei immer noch hoher Arbeitslosigkeit derzeit keine Rede sein. Es gibt Engpässe bei einzelnen Berufsgruppen und Qualifikationen, in bestimmten Regionen und bei Klein- und Mittelunternehmen. Vier Trends sind aber unbestritten: Der Bedarf an gut qualifiziertem Personal wird weiter steigen. Die Zeiten, in denen sich Arbeitgeber aus einer großen Masse gut qualifizierter Arbeitssuchender nach Belieben bedienen konnten, neigen sich dem Ende zu. Durch die demographische Entwicklung sinken die Schulabgängerzahlen teilweise drastisch. Das Durchschnittsalter vieler Belegschaften steigt dagegen weiter an.
Ob es langfristig wirklich zu einem starken Fachkräftemangel kommt, hängt aber von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Nur bei kräftigem Wachstum wird die Nachfrage nach Arbeitskräften weiter deutlich steigen. Wer vor diesem Hintergrund ein Horrorszenario an die Wand malt, befördert sinnvolle Lösungen nicht, sondern verhindert sie.
 


2. Fachkräftesicherung braucht einen klugen Maßnahmen-Mix


Für eine erfolgreiche Fachkräftesicherung brauchen wir einen sinnvollen Mix aus erfolgreichen Maßnahmen. Sie beginnen beim Zugang zu guter schulischer und beruflicher Bildung für Jugendliche. Sie gehen bei neuen Formen der Weiterbildung, sowie alters- und alternsgerechten Arbeitsplätzen weiter. Ganz generell brauchen wir in Zukunft mehr Menschen in Arbeit. Die Arbeitsmarktpolitik und die Personalpolitik der Unternehmen müssen sich auf die neuen Herausforderungen einstellen. Für drohenden Fachkräftemangel in bestimmten technischen Berufen brauchen wir andere Lösungen als für eine mögliche Arbeitsplatzlücke in Dienstleistungsberufen. Während im einen Fall spezielle Qualifikationen gefördert werden müssen, sind im anderen Fall schlechte Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Die IG Metall setzt sich mit diesem differenzierten Ansatz bewusst von interessengeleiteten Scheinlösungen vieler Arbeitgebervertreter ab. Sie instrumentalisieren die Fachkräftedebatte für die Durchsetzung altbekannter Forderungen. Eine Verlängerung der Wochen- bzw. Lebensarbeitszeit ist der falsche Weg. Schmalspurausbildungsgänge sind ebenso wenig geeignet wie die Herabsetzung der Einkommensgrenze für Zuwanderer.
 


3. Fachkräftesicherung braucht Ordnung auf dem Arbeitsmarkt


Zu keinem früheren Zeitpunkt waren so viele Menschen in den Arbeitsmarkt integriert wie heute. Die Zahl der Beschäftigten liegt bei über 40 Millionen. Gleichzeitig war aber der Arbeitsmarkt noch nie so gespalten. Die Zahl atypischer und oft prekärer Beschäftigungsverhältnisse ist dramatisch gestiegen. Gleiches gilt für den Niedriglohnsektor. Junge Menschen, die wir als Fachkräfte dringend brauchen, sind besonders davon betroffen.
Sinnbildlich für diese Entwicklung steht die Leiharbeit. Wo Arbeit zur reinen Ware wird, verliert sie ihre Würde und alles, was sie sonst sein kann: Garant für Einkommen, Sicherheit, soziale Anerkennung, gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Identität. Wer den Wert von Arbeit nicht anerkennt, investiert nicht in sie. Die Sicherung der Fachkräftebasis ist auf dieser Grundlage nicht möglich. Die IG Metall fordert deshalb, die Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wieder herzustellen. Dafür ist eine Reduzierung der Leiharbeit notwendig, zumindest die flächendeckende Durchsetzung von Equal Pay. Zur Eindämmung des Niedriglohnsektors fordern wir flächendeckende, allgemeinverbindliche Mindestlöhne.


4. Fachkräftesicherung braucht Gute Arbeit


Gute Arbeit ist der Schlüssel zur Sicherung des Fachkräftebedarfs. Stabile Arbeitsverhältnisse und gute Löhne sind eine Grundvoraussetzung, um gute Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Dabei hat der Flächentarifvertrag eine herausragende Bedeutung. Tarifbindung ist ein Erfolgsfaktor für die Fachkräftesicherung. Tarifflucht führt dagegen zum Fachkräftemangel. Beschäftigte wollen auch mitbestimmen. Engagement und Initiative aller Beschäftigten sind in einer stärker wissensbasierten Produktion ein unverzichtbarer Erfolgsfaktor. Deshalb brauchen wir künftig mehr Mitbestimmung, nicht weniger.
Dringend notwendig sind Konzepte Guter Arbeit, um die Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Beschäftigten langfristig zu sichern. Gute Arbeit ist ein wesentlicher Faktor, um die Motivation und das Engagement der Belegschaften zu fördern. Wachsenden physische und psychischen Belastungen muss mit geeigneten Maßnahmen ein Riegel vorgeschoben werden. Der zunehmend räuberische Umgang mit der Arbeitskraft geht zu Lasten der Gesundheit. Viel zu viele Beschäftigte müssen noch weit vor dem eigentlichen Rentenalter aus dem Erwerbsleben ausscheiden.
Wer Gute Arbeit ignoriert, wird seinen Fachkräftebedarf nicht mehr decken können. Das belegt ein Blick nach Ostdeutschland. Der dortige Fachkräftemangel ist meist hausgemacht.



5. Fachkräftesicherung braucht mehr Menschen in Arbeit


Um den Fachkräftebedarf zu sichern, müssen mehr Menschen in Arbeit gebracht werden. Der größte Bereich nicht genutzter Arbeitskraft liegt bei den in der Regel gut qualifizierten Frauen. Um ihr Potential nutzen zu können, brauchen wir vor allem einen Ausbau der Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeitmodelle sowie den Abbau steuerrechtlicher Benachteiligungen.
Auch bei den in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten gibt es große Potentiale. Ihrer sozialen Benachteiligung in allgemeinbildenden Schulen und bei der Berufsausbildung muss mit wirksamen Maßnahmen entgegen getreten werden.
Wer ältere Arbeitnehmer mit geeigneten Maßnahmen länger in Arbeit hält, sichert ebenfalls seine Fachkräftebasis. Neben alters- und alternsgerechter Arbeit braucht es dazu eine lernförderliche Arbeitsorganisation. Sie erlaubt den Beschäftigten, ihre Kompetenzen zu erhalten und weiter zu entwickeln. Dafür sind betriebliche Qualifizierungsmaßnahmen notwendig. Ein weiterer Schritt zur Fachkräftesicherung sind spezielle Integrations-Maßnahmen für jüngere Arbeitskräfte, die im letzten Jahrzehnt vor allem wegen der zu niedrigen Zahl an Ausbildungsplätzen ohne Berufsabschluss geblieben sind.



6. Fachkräftesicherung braucht mehr Ausbildungsplätze


Die Ausbildungszahlen sind nach wie vor zu niedrig. Nach einem Minus von 50.000 Ausbildungsplätzen in 2009 gab es auch im Aufschwungsjahr 2010 einen Rückgang von 4.000 Verträgen. 2011 hat sich bei starkem Wirtschaftswachstum die Zahl der Ausbildungsplätze (bis einschließlich August) zwar wieder um 48.000 erhöht. Aber immer noch suchen 90.000 Jugendliche einen Ausbildungsplatz. Die IG Metall fordert die Arbeitgeber deshalb weiterhin auf, ihre Ausbildungsbemühungen zu verstärken. Weil die Zahl der Schulabgänger sinkt, wird es für Unternehmen immer schwieriger, sich auf dem Arbeitsmarkt mit ausgebildeten Fachkräften zu versorgen. Zusätzlich muss künftig gelten: qualifizieren statt aussortieren, vollwertiger Berufsabschluss statt kurzfristiger Aktivierungsmaßnahmen. Es gibt erfolgreiche Projekte, mit denen besonders benachteiligten Jugendlichen der Weg in die vollqualifizierende Berufsausbildung ermöglicht wird. Sie müssen flächendeckend umgesetzt werden. Außerdem müssen die ca. 1,5 Millionen jungen Erwachsenen ohne Berufsausbildung durch ein Bundesprogramm eine zweite Chance erhalten, einen Abschluss nachzuholen.


7. Fachkräftesicherung braucht eine integrierte Personal- und Weiterbildungspolitik


Wer seine Fachkräftebasis dauerhaft sichern will, muss berufliche Fort- und Weiterbildung zum integralen Bestandteil der Personalpolitik im Unternehmen machen. Nur so können sich ständig wandelnde Anforderungsprofile, technologischer Wandel und neuen Fertigungs- und Produktionsprozesse von den Beschäftigten umgesetzt werden. Die Realität sieht anders aus. Der Nachholbedarf für eine integrierte Personal- und Qualifizierungspolitik ist beträchtlich. Anstatt sie umzusetzen, wird die Verantwortung weitgehend auf die Beschäftigten umgewälzt.
Diese Defizite müssen abgebaut werden. Unternehmen müssen stärker in Fort- und Weiterbildung investieren. Die vorhandenen Qualifizierungstarifverträge müssen als Grundlage für eine systematische Qualifizierungspolitik genutzt werden, die Bedarfe frühzeitig erkennt und befriedigt. Der Gesetzgeber ist gefordert, die Rahmenbedingungen für Fort- und Weiterbildung erheblich zu verbessern (Freistellung, finanzielle Anreize etc.). Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen für „lebenslanges Lernen“.



8. Fachkräftesicherung braucht eine vorausschauende Schul- und Hochschulpolitik


Wer die Fachkräftebasis von morgen sichern will, muss bei den Jüngsten beginnen. Alle Kinder benötigen unabhängig von Status und Herkunft die Möglichkeit, ihre persönlichen Fähigkeiten zu entfalten und einen qualifizierten Schulabschluss zu erreichen. Es ist Aufgabe der Politik, ihr selbst gestecktes Ziel „Bildungsrepublik Deutschland“ zu erreichen. Eine besondere Rolle spielt der so genannte MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Das spezifische Leistungsniveau der deutschen Industrie ergibt sich aus der Summe von technischem Ingenieurswissen und breiter, facharbeitsbasierter Produktionserfahrung. Einem möglichen Fachkräftemangel muss deshalb vor allem bei Ingenieuren entgegen gewirkt werden.
Das gelingt nicht mit kurzfristigen Scheinlösungen. Vor allem ist es notwendig, junge Menschen – gerade auch Frauen – verstärkt für mathematische und naturwissenschaftliche Themen zu interessieren. Dafür sind beispielsweise Berufspraktika geeignet. Außerdem muss der Zugang zur Hochschule auch ohne Abitur erleichtert werden. Die finanzielle Förderung ist auszubauen, die hohe Zahl der Studienabbrecher ist durch bessere Betreuung und Unterstützung zu reduzieren. Zusätzlich gefordert sind die Arbeitgeber. Sinnvoll ist die Ausweitung von Stipendienprogrammen, geförderte Freistellungen zu Studienzwecken mit Rückkehrrecht, Angebote zum berufsbegleitenden Studium sowie größere Kapazitäten für duale Studiengänge.



9. Fachkräftesicherung braucht Regeln für Zuwanderung


Die IG Metall hält die Förderung von Zuwanderung in besonderen Fällen für sinnvoll: Bei Hochqualifizierten, Mangelberufen und Stellen, die ansonsten nicht besetzt werden können. Das ist aber nicht das zentrale Handlungefeld. Die Qualifizierung der Menschen, die in Deutschland leben und arbeiten, muss Vorrang haben. Zuwanderung darf nicht dazu benutzt werden, den Konkurrenzdruck auf Arbeitsbedingungen und Entgelte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu erhöhen. Eine Senkung der Mindest-Verdienstgrenze für Zuwanderer von derzeit 66.000 Euro auf 40.000 Euro lehnt die IG Metall ab.
Andere Vorschläge zur Förderung und Steuerung von Zuwanderung unterstützen wir dagegen. Dazu gehört eine verlängerte Aufenthaltsdauer für Hochqualifizierte und eine allgemeine „Willkommenskultur“. Als weltoffene Organisation tritt die IG Metall dafür ein, Einwanderung solidarisch zu gestalten. Zur Steuerung der Einwanderung ist ein Punktesystem sinnvoll, wie es sich auch in anderen Ländern bewährt hat. Es sollte allerdings auch soziale Aspekte beinhalten und regelmäßig auf seine Wirksamkeit überprüft werden.


10. Fachkräftesicherung braucht eine engagierte IG Metall


Die IG Metall steht in der Verantwortung, ihren Beitrag zur Fachkräftesicherung zu leisten. Die IG Metall hat in diesem Sinn bereits Tarifverträge abgeschlossen. Etwa in Bayern den Tarifvertrag „Zusätzliche Ausbildungsplätze“, in dem höhere Ausbildungszahlen festgelegt werden. Es gibt auch Ansätze, wie besonders benachteiligte Jugendliche unterstützt werden können. So beispielsweise der Tarifvertrag zur Ausbildungsfähigkeit in Nordrhein-Westfalen. Selbstkritisch räumen wir ein: die Möglichkeiten, die die von uns durchgesetzten Qualifizierungstarifverträge bieten, werden zu wenig genutzt. Das trifft ebenso auf die Mitbestimmungsrechte zu, die in Fragen der Weiterbildung nach dem Betriebsverfassungsgesetz gelten. Um hier erfolgreicher werden zu können, müssen Unternehmen auf verlässliche Rahmenbedingungen bei der Weiterbildung verpflichtet werden. Dazu gehört eine Nachweispflicht über geleistete Maßnahmen.
Für diese und andere Forderungen wird sich die IG Metall politisch engagieren. Wir beteiligen uns gleichzeitig an der bisher sehr einseitigen Debatte über Fachkräftesicherung mit seriösen Vorschlägen und durchdachten Konzepten. Damit sie endlich denen nützt, über die dabei immer gesprochen wird: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.


Download Dokumente

Hier können Sie das vollständige Zehn-Punkte-Papier der IG Metall zur Fachkräftesicherung, sowie das Positionspapier der IG Metall "Qualifizierte Fachkräfte für gute Arbeit und Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit" herunterladen.



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